Der Teltowkanal ist ein ganz besonderes Gewässer. Bei seiner Entstehung war alles anders als bei sonstigen Kanalbauten. Die Ehre, den Teltowkanal initiiert zu haben, beanspruchen sowohl Wasserwirtschaftler, Wasserbauer, Verkehrsplaner, Regionalplaner als auch Mediziner und Politiker. Kein Stand allein kann für sich diese Ehre in Anspruch nehmen, jedoch haben alle ihren Anteil an der Verwirklichung des vor 100 Jahren, am 2. Juni 1906, offiziell eröffneten Kanals. Seine vielfältigen Aufgaben, die in ihrer Kombination letztendlich zum Bau des Kanals führten, sind bis heute erhalten geblieben und zeichnen den Teltowkanal gegenüber anderen Wasserwegen aus. Er ist heute noch immer ein leistungsfähiger Vorfluter sowie ein Verkehrsweg mit vielen regional bedeutenden Häfen, wie auch ein Teil des überregionalen Verkehrsbandes von der Elbe zur Oder. Darüber hinaus ist der Teltowkanal in vielen Abschnitten Naherholungsgebiet für heute ca. 70 000 Anwohner. Wie gut der Teltowkanal seiner Vorflutaufgabe gerecht wird, zeigt sich an seiner Fähigkeit, Zuflüsse aus dem Stadtgebiet in Folge lang anhaltender Regengüsse problemlos abzuführen. Ein derart besonderes Ereignis fand z. B. im August 1978 statt. 30 Stunden lang ging ein schwerer Regen über Berlin nieder. Da bei einem solchen andauernden Regen keine Bodenversickerung mehr stattfindet, floss alles Regenwasser unmittelbar dem Vorfluter, nämlich dem Teltowkanal, zu. Der Kanalwasserspiegel stieg infolge dieses besonderen Ereignisses dennoch nur um ca. 40 cm. Die Bedeutung des Teltowkanals als Vorfluter bemisst sich u. a. auch aus der angeschlossenen Entwässerungsfläche, die allein den gesamten südlichen Bereich von Berlin in einer Größenordnung von rd. 140 km2 umfasst, das sind ca. 16 % der Fläche des heutigen Berlins. Zu den weiteren wasserwirtschaftlichen Aufgaben des Kanals zählen auch die Kühlwassernutzung und die Aufnahme von Klärwerksabflüssen. Der Teltowkanal war zu seiner Eröffnung im Jahre 1906 ein sehr moderner Kanal. Die Planer hatten sich entschlossen, die Frachtschiffe mit einer elektrischen Treidelbahn durch den Kanal zu führen. Diese weitsichtige Maßnahme führte zu erheblichen Einsparungen bei den Baukosten, da die Ufer mit leichten technischen Sicherungen ausgebaut werden konnten. Darüber hinaus fielen nur geringe Instandhaltungskosten an, und die Betriebskosten wurden reduziert. Bis zu vier Maßkähne der damaligen Zeit konnten von einer Lok gezogen werden. Die Schleppgeschwindigkeit betrug 4 bis 6 km/h für vollgeladene Kähne. In rund zehn Stunden war der 38,7 km lange Kanal passiert. Es hat sich auch hier gezeigt, dass technische Errungenschaften, die sich im wirklichen Betrieb bewähren, weltweit Beachtung finden. Der Teltowkanal- Treidelbetrieb war u. a. Vorbild für eine entsprechende Einrichtung am 1915 eingeweihten Panamakanal. Leider wurde der Treidelbetrieb nach den Zerstörungen im 2. Weltkrieg nicht wieder aufgenommen. Heute zeugen nur noch einzelne Oberleitungsmasten und Brückenpfeiler von der einst so bedeutenden Einrichtung. Weitsicht bewiesen die Planer auch, als sie sich entschlossen, nur eine Schleusenanlage in Kleinmachnow zur Überwindung des bis zu 3 m hohen Wasserstandsunterschiedes zwischen der Spree und der Havel zu errichten. Das Schleusenbautenensemble war darüber hinaus auch noch ein architektonisches Kleinod, ebenso wie z. B. die Lokschuppen. Dies zeigt, dass beim Bau des Teltowkanals nicht nur Technik und Funktion allein, sondern auch Schönheit geplant waren. Auch die Anlage vieler kleiner Häfen und paralleler Umschlagsanlagen entlang des gesamten Teltowkanals war wohl überlegt, war doch so die Region flächendeckend, ohne lange Zuwege an den Kanal angeschlossen. Ohne Übertreibung kann festgestellt werden, dass die schnelle Entwicklung der südlichen Berliner Stadtteile und Gemeinden im Umland nur dadurch möglich wurde, weil mit dem Teltowkanal eine leistungsfähige Wasserstraße zur Verfügung stand. Über diesen Verkehrsweg konnten die notwendigen Baumaterialien herangeführt und die Versorgung mit Gütern sichergestellt werden. Auch die Versendung der im Zuge der Industrialisierung im Kanalumfeld hergestellten Waren erfolgte über den Wasserweg. Als überregionale Verbindung verkürzt der Teltowkanal die Strecke von der Elbe zur Oder um 16 km, indem er die enge und kurvenreiche Durch- fahrt durch die Innenstadtbereiche von Berlin umgeht. Darüber hinaus wird im Elbe- Oder-Verkehr eine Schleusung eingespart. Drei Millionen Tonnen beförderter Güter auf dem Teltowkanal war das Ziel der Planer. Kontinuierlich waren die Steigerungsraten, und 1939 war das gesetzte Ziel erreicht. 1,2 Mio. Gütertonnen wurden am Teltowkanal umgeschlagen, und 1,8 Mio. Tonnen wurden im Durchgangsverkehr auf ihm transportiert. Diese Frachtraten zeugen von seiner regionalen als auch der überregionalen Bedeutung. Entsprechende Umschlagsmengen wurden auch in der Zeit, als der Kanal nur ein lang gestreckter Hafen ohne Durchgangsverkehr war, erreicht. Dass auch Mediziner für den Kanalbau warben, war darauf zurückzuführen, dass weite Teile des Kanalumfeldes eine „ungesunde Gegend“ waren. Das Gebiet um die Bäke war in weiten Teilen eine Sumpflandschaft mit Mücken und Rattenplagen. In der Spreeniederung traten immer wieder starke Nebel auf. Fiebrige Erkrankungen suchten die Anwohner und Besucher der Gegenden heim .Alle diese Missverhältnisse wurden durch den Kanalbau beseitigt und damit auch der Weg bereitet zur künftigen vielgestalteten Besiedelung. In seiner 100-jährigen Geschichte hat der Teltowkanal viele Feierlichkeiten, insbesondere Teil- bzw. Wiedereröffnungen erfahren. Die erste Eröffnung war schon 1904, als nach nur drei Jahren Bauzeit der Abschnitt in der Spreeniederung von Grünau bis nach Britz fertig gestellt war. Die letzte betraf die Wiedereröffnung dieser Strecke am 1. April 2000. Es ist dem Kanal zu wünschen, dass zukünftig auch die verkehrliche Bedeutung sich wieder so bestätigen wird, wie alle seine anderen vielfältigen Funktionen sich gestern, heute und für die Zukunft gewappnet darstellen.
PETER NEUGEBAUER
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